Ansprache aus Anlass des 500. Jahrestages der Reformation am 31.10.2017

Nikita Markov Bild vergrößern (© Nikita Markov) Sehr geehrter Herr Erzbischof Brauer,
sehr geehrte Vertreter der Regierung der Russischen Föderation und der Religionsgemeinschaften,
Exzellenzen, meine Damen und Herren!

Es ist eine große Ehre, stellvertretend für das diplomatische Corps, heute aus Anlass dieses großen Jubiläums hier sprechen zu dürfen – als Vertreter jenes Landes, das über die Person und das Wirken Martin Luthers mit der Reformation und ihrer Geschichte in besonderem Maße verbunden ist.

Und es berührt mich persönlich – denn so sehr ich als Diplomat in meiner Arbeit Neutralität zu wahren habe – so wenig mache ich doch stets ein Hehl daraus, dass ich evangelischer Christ bin und aus dieser Verwurzelung heraus zu leben und zu handeln versuche.

Das Reformationsjubiläum wird heute auf der ganzen Welt gefeiert – in vielen Ländern, so wie in Russland. Ich kann mich nicht erinnern, dass unser Land ein Ereignis je größer begangen hätte.

Doch wieso feiert ein Staat ein scheinbar doch ganz kirchliches Ereignis? Nun für uns Deutsche hat Martin Luther jenseits der Reformation bis heute eine besondere Bedeutung - für die Herausbildung unserer nationalen Identität: Als er die Bibel ins Deutsche übersetzte, schuf er aus verschiedenen deutschen Dialekten jene Sprache, die wir bis heute sprechen.

Doch auch in so vielen anderen Ländern und von so vielen Menschen wird dieses Jubiläum so besonders gefeiert, weil die Reformation eben nicht nur ein religiös-spirituelles Ereignis war, sondern auch ungeheure politische, soziale und kulturelle Wirkung entfaltet hat.

Das wichtigste Anliegen des Reformators Luther war: Reform der Kirche unter Rückbesinnung auf das Wort der Bibel. Untrennbar damit verbunden war und ist der Gedanke, dass jedem Menschen die Freiheit des Glaubens und des Gewissens geschenkt ist. Und hieraus ergibt sich Verantwortung: für sich selbst, für seine Nächsten und für das Gemeinwohl.

Die Freiheit des Einzelnen setzt jeder weltlichen Macht Grenzen. Sie fördert Urteilskraft und Eigenverantwortung – und dadurch Wissen, Bildung, Neugier, Selbstvertrauen. So hat die Reformation Epochen ganz neuer kultureller Entfaltung und kulturellen Reichtums nach sich gezogen. Und Bildung war nun kein Privileg mehr, sondern wurde in immer breitere Schichten der Bevölkerung getragen. Hier wurde der Grund gelegt für den mündigen Bürgers späterer Zeit.

Mit ungeheurer Kraft veränderten Luthers Ideen Kirche, Gesellschaften und Staaten bis weit über Deutschlands Grenzen hinaus. Jener religiös-geistige Aufbruch hat die ganze Welt erfasst: Mehr als 800 Mio. Christen weltweit sind heute im evangelischen Glauben miteinander verbunden.

Noch im 16. Jahrhundert erreichte die Reformation auch das Reich der Zaren – seither gibt es die „Evangelisch-lutherische Kirche Russlands“. Sie gehört damit zu den „traditionellen Kirchen“ des Landes. Viele bedeutende Persönlichkeiten waren, wie bereits erwähnt, evangelisch und haben, in protestantischer Prägung, über die Jahrhunderte immer wieder zu Russlands kulturellem und wissenschaftlichem Reichtum beigetragen, zu politischem Erfolg, zur Modernisierung und Reform des Landes.

Nach der kommunistischen Machtübernahme haben auch die evangelischen Christen Russlands Schreckliches erlitten, viele sind einen Märtyrertod gestorben. Ihre Kirchen wurden enteignet, zerstört und anderen Bestimmungen zugeführt.

Es ist ein sehr schönes Zeichen, dass die russische Regierung der evangelischen Kirche Russlands aus Anlass des Reformationsjubiläums ihre Hauptkirche, die Kirche St. Peter und Paul, zu Eigentum zurückgegeben hat.

Ich hoffe für Sie, dass dies auch an anderen Orten geschieht und dass nun auch die Leiden, die die evangelischen Christen Russlands erlitten haben, anerkannt werden und es zu einer vollständigen Rehabilitation kommt.

Den evangelischen Christen Russlands gratuliere ich von ganzem Herzen zum 500. Jahrestag dieses großen Ereignisses und dazu, dass sie ihren Glauben fast ebenso lang leben und auch in schwersten Zeiten an ihm festgehalten haben.

Für die Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute – und, in der Sprache Martin Luthers: „Gottes Segen“.

Ansprache aus Anlass des 500. Jahrestages der Reformation am 31.10.2017

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