Transkription der Rede Botschafter von Fritschs anlässlich der Veranstaltung „25 Jahre Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ – 75. Jahrestag des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion“ am 22.06.2016 bei Memorial

"Ich komme gerade vom Grabmal des Unbekannten Soldaten, wo ich einen Kranz niedergelegt habe. Ich habe das schon oft gemacht und es ist jedes Mal etwas Besonderes. Es bewegt mich auch. Und es ist für mich dann aber auch immer ein Gedenken nicht nur an unbekannte Soldaten, sondern an die vielen, vielen Opfer, auch an die Namenlosen und die Vergessenen.

Heute in den frühen Morgenstunden war es 75 Jahre her, dass der deutsche Botschafter in Moskau dem sowjetischen Außenminister Molotow ein Memorandum übergeben hat, dem zu entnehmen war, dass das Deutsche Reich der Auffassung war, dass die Sowjetunion den Deutsch-Sowjetischen Nicht-Angriffspakt so verletzt habe, dass das Reich sich bedroht fühle und dass die deutsche Wehrmacht deswegen gehalten sei, alles in ihrer Macht stehende zu tun der Bedrohung entgegenzutreten. Er hatte ausdrücklich die Weisung, persönlich von Hitler, das Wort „Kriegserklärung“ nicht zu benutzen. Das heißt, es wurde nicht einmal behauptet, man sei im Krieg. Und während er mit Molotow sprach, rollte der deutsche Angriff bereits auf breiter Front, zunächst in jenem Gebiet in Ost- und Mitteleuropa, über welches Hitler und Stalin sich verständigt hatten, es unter sich aufzuteilen, in Polen und im Baltikum, und bald in der Sowjetunion selbst.

Die Fiktion war, das sei irgendwie kein Krieg, und wenn, dann bestenfalls ein defensiver oder ein präventiver Krieg. Und der Angriff rollte. Es war ein Angriffskrieg, aber es war viel mehr als ein Angriffskrieg. Wie wir heute wissen, war es ein Vernichtungskrieg. Es war ein Krieg, der nur zum Teil darauf zielte, einen militärischen Gegner auszuschalten. Der vor allem aber darauf zielte, wie es damals hieß, „Lebensraum zu erschließen“. Der darauf zielte, Menschen zu vertreiben, zu vernichten, Kultur zu vernichten, sich Land anzueignen. Das Deutsche Reich der nationalsozialistischen Herrschaft hat in Ost-Mitteleuropa, in Osteuropa nicht einmal den Versuch unternommen Satellitenstaaten, abhängige Satrapien, zu errichten, so wie das im Westen Europas zum Teil geschah. Nein! Sie waren es nicht einmal wert diesen Status zu haben. Sie wurden vertrieben, vernichtet.

Die Zahlen, die wir kennen, sind für mich restlos unvorstellbar. Ich bin in meiner diplomatischen Laufbahn in Summe zehn Jahre Botschafter und Diplomat in Polen und in Russland gewesen, in jenen Ländern, die mit am meisten gelitten haben. Ich bin immer diesen Zahlen begegnet. So viele Millionen Menschen sind in Ausschwitz vernichtet worden. So viele Millionen Menschen in den Ländern der damaligen Sowjetunion. Und nicht nur Soldaten, sondern, wie wir wissen, gezielt ganze Gruppen wie Juden und Sinti, kommunistische Funktionäre, Menschen mit Behinderung. Dennoch müssen wir uns auch der Zahlen erinnern und ich denke, es ist gut, dass und wie sich heute das deutsche Staatsoberhaupt dazu geäußert hat, Bundespräsident Gauck. Der deutsche Außenminister auch – mit einem Artikel, der zeitgleich erschienen ist in Minsk, Kiew und Moskau. Und dass es heute eine Debatte des Deutschen Bundestages darüber gibt und dass diese Veranstaltung hier stattfindet.

Das, was geschehen ist, hat eine zumindest zweifache Folge bzw:  muss eine zumindest zweifache Folge haben. Die eine ist die Verpflichtung zur Erinnerung. Die Verpflichtung zur dauerhaften Erinnerung, die vor allem eine Verpflichtung an uns als Deutsche ist zur Erinnerung an schreckliches Geschehen, das auch schrecklich auf uns zurückgefallen ist. Ich erinnere mich sehr gut, wie mir als Kind zunächst einmal Geschichten des eignen Leides, des eigenen Heimatverlustes, der eignen Erniedrigung, Demütigung, Vergewaltigung, des Todes, den man selber erlebt hatte, erzählt wurden. Sich auch daran zu erinnern ändert nichts daran, wie Schuld und Verantwortung verteilt sind. Sich an alles schlimme Geschehene zu erinnern bedeutet, dass wir das so Naheliegende und Wichtigste und unendlich Schwere tun müssen: einfach zu sagen, wie es gewesen ist. Das Schwerste ist, die Wahrheit zu sagen. Sie auch immer wieder auszusprechen. Uns die Wahrheit gegenseitig zu sagen. Und jeder muss für sich seine Wahrheit erkennen.

In Polen, wo ich viele wunderbare Kontakte hatte, hat mir ein Intellektueller einmal den schönen Satz gesagt: „Wir können über alles miteinander reden, solange jeder von seiner Schuld spricht.“ Das ist ein ganz großer Satz. Den kann nur ein Pole gegenüber einem Deutschen aussprechen oder ein Russe, ein Ukrainer oder ein Weißrusse. Den könnte ein Deutscher so gar nicht formulieren. Es ist ein sehr, sehr guter Satz, denke ich. So können wir miteinander auskommen.

Es gibt im Deutschen eine sehr besondere Vokabel, und jetzt tut es mir Leid für die Dolmetscher, denn dies ist nicht so leicht zu übersetzen: etwas „aufheben“. Das ist ein Wort, das einen doppelten Sinn hat. Wir heben etwas auf, indem wir das tun, was Memorial leistet, indem wir etwas ins Museum legen. Wir heben es für die Erinnerung auf. Wir heben etwas auf, indem wir eine Geschichte erzählen und uns ihrer dauerhaft erinnern. Und zugleich bedeutet dieses Wort „aufheben“ im Deutschen auch, dass wir dem Bösen damit den Schrecken nehmen. Denn wir sagen auch, wir heben ein Urteil auf zum Beispiel. Indem wir das Böse aussprechen, nehmen wir ihm ein Stück weit seinen Schrecken. Das scheint mir so unendlich wichtig. Wir müssen uns erinnern und wir müssen, ich komme zurück auf die große und schreckliche Zahl, Erinnerung individualisieren. Im einzelnen Schicksal begegnet uns der Schrecken. Im Schicksal der vergewaltigten Frau, die nicht darüber reden durfte, weil es ein Stigma war. Im Schicksal der uns Unbekannten, einfach Überrollten, Getöteten. Im Schicksal der Soldaten, die vielleicht gar nicht im Einklang mit den Befehlen ihrer Führer waren. Wir müssen uns die einzelnen Geschichten erzählen und das ist das Großartige was hier geleistet wird. Und dafür braucht es Agenten. Agenten der Erinnerung. Agenten wie „Memorial“, für die ich so große Hochachtung habe, weil sie seit so langer Zeit so tapfer sich genau darum kümmern: Das Aufheben, das Erinnern, das Individualisieren, das Benennen, das Aussprechen. Ein Buch zu erstellen, in dem jedes einzelne Opfer von Katyn gedacht wird. Welche Leistung!

Wir brauchen ‚Agenten der Erinnerung‘ wie „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“, die seit 25 Jahren in Russland tätig sind, vielleicht war es ganz am Anfang sogar noch die Sowjetunion. Die genau das Wichtige und Richtige tun, nämlich das Zeichen des ehrlichen Bemühens auszusenden: Wir Deutsche können nicht mehr tun als zu versuchen, uns zu erinnern, uns zu bemühen. Was geschehen ist, ist geschehen. Es ist nicht aufzuheben. Es ist nicht ungeschehen zu machen. Es ist nicht entschuldbar. Aber es ist benennbar und es ist gut, dass eine junge Generation, dass Sie, die Sie hier sitzen, das tun! Diese Geste immer wieder aussenden, Interesse aneinander haben, die Bereitschaft miteinander im Gespräch zu bleiben und sich seine Geschichte zu erzählen und die des anderen anzuhören. Für diese 25 Jahre Arbeit und Einsatz möchte ich der „Aktion Sühnezeichen Friedensdienste“ ausdrücklich danken. Ich möchte Ihnen gratulieren dazu, dass sie das tun, dass sie das fortsetzen, dass sie einen so großartigen Partner in „Memorial“ gefunden haben, dass Sie das gemeinsam machen - und es wundert mich überhaupt nicht, dass die russische Kuratorin und ihre Hauptansprechpartnerin Irina Schtscherbakowa ist, die so vieles Gute leistet.

Es folgt eine zweite Verpflichtung, neben dem Erinnern: Das richtige Handeln. Und das richtige Handeln besteht daran, dieses ungeheure Geschenk zu bewahren, das uns nach dem Schrecken der nationalsozialistischen Verbrechen zugewachsen ist: die europäische Friedensordnung. Das ist eine ganz konkret bestehende Verpflichtung. Dieser Frieden ist nicht selbstverständlich. Dieser Frieden ist unendlich leicht zu verletzen. An diesem Frieden müssen wir alle immer wieder bauen. Diesen Frieden müssen wir bewahren, wenn Menschen in Europa wieder glauben, es ist besser mit der nationalistischen Faust auf den Tisch zu schlagen und sich gegen den anderen aufzustellen und nicht in dieser Solidargemeinschaft zu handeln, die wir geworden sind. Ja, in der Europäischen Union geht es irgendwo um Wohlstand, aber am Ende ist es eine Friedensordnung. Es geht darum, durch die Verschränkung unserer Interessen uns ein Stück weit vor einander zu schützen, weil jeder, der dem anderen schaden wollte, am Ende sich selber schadet. Das ist der große Friedensgedanke und das müssen wir erhalten. Das müssen wir bewahren und das hat konkrete und praktische Folgerungen. Das hat die Folgerung, dass wir nie wieder zu einer Politik der Willkür zurückkehren dürfen. Einer Politik die sich anmaßt, es besser zu wissen als alle gemeinsam. Einer Politik, die sich anmaßt, Regeln alleine zu definieren. Einer Politik, die glaubt, nur mit Stärke unter Verletzung der Regeln erfolgreich vorwärts zu kommen. Wenn das jeder für sich versucht, sind wir verloren. Und deswegen bestehen wir so sehr darauf, dass Regeln eingehalten werden, dass wir gleichberechtigte Staaten sind, dass wir gleichberechtigt miteinander vorwärts kommen wollen.

Ich sage das nicht auftrumpfend und ich will auch über unseren Versuch zu erinnern nicht lobend sprechen, weil alles das eine uns selbstverständliche Verpflichtung ist. Und das wird es bleiben. Und ich möchte allen danken, die daran mitwirken. Ich möchte das heute ausdrücklich an diesem besonderen Tag tun: Memorial danken, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste danken und Ihnen alles Gute wünschen für Ihre weitere Zusammenarbeit.

Ganz herzlichen Dank!"

25 Jahre Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

Deutsche Botschaft Moskau