Grußwort von Botschafter von Fritsch anlässlich der Preisverleihung des internationalen Geschichtswettbewerbs, ausgerichtet von Memorial, am 26.4.2017.

Grußwort von Botschafter von Fritsch anlässlich der Preisverleihung des internationalen Geschichtswettbewerbs, ausgerichtet von Memorial, am 26.4.2017.

"Sehr herzlich gratuliere ich den Ausrichtern dieses wichtigen und bedeutenden Wettbewerbes dazu, ihn auch 2017 trotz Schwierigkeiten durchgeführt und so erfolgreich zu Ende gebracht zu haben.

  Warum ist der deutsche Botschafter eingeladen worden, hier zu sprechen?

·         Zum einen sicherlich, weil dieser Wettbewerb auch aus Deutschland unterstützt wird -  und, wie ich meine, zu Recht: Es ist ein sehr guter Zweck, Geld dafür auszugeben, die historische Wahrheit zu erforschen.

·         Zum anderen aber vielleicht auch, weil Russland und Deutschland verbindet, dass wir beide aus unterschiedlichen und oft auch wieder verbundenen Gründen eine schwierige Geschichte haben, deren Aufarbeitung nicht einfach ist.

Um diese Aufarbeitung habt Ihr, die Preisträger des diesjährigen Wettbewerbes, Euch bemüht, und ich gratuliere Euch von Herzen dazu, dies mit so schönem Erfolg getan zu haben. Ihr habt etwas getan, was ganz einfach klingt und dann eben doch so besonders schwierig sein kann: Ihr habt Euch bemüht, zu bestimmten historischen Vorgängen Euch eine unabhängige, eigene Meinung zu bilden. Ihr habt die ganz einfache Frage gestellt: Wie ist es eigentlich gewesen? Und nicht, was ja auch naheliegen könnte: Wie wäre es denn wohl am besten gewesen?

Lasst mich, um zu illustrieren, was ich sagen will, eine kleine Geschichte erzählen, die vom deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche stammt: Der Stolz und die Erinnerung trafen sich. „So ist es gewesen!“ sagte die Erinnerung. „ Aber so soll es gewesen sein!“ antwortete der Stolz. Sie rangen eine Zeitlang miteinander, bis die Erinnerung nachgab.

Wir sind auf einem schlechten und potenziell gefährlichen Pfad unterwegs, wenn wir bei der Beschäftigung mit der Geschichte den Stolz über die Erinnerung setzen, wenn wir die Erzählung von der Geschichte einem bestimmten, und es sei es noch so heiligen oder patriotischen Zweck unterordnen. Das kann verstörende, ja möglicherweise auch gefährliche Auswirkungen haben.

·         Verstörend z.B. so wie am vergangenen Wochenende, als mit offizieller Förderung im „Park Patrioty“ vor den Toren Moskaus spektakulär eine Erstürmung des Deutschen Reichstages nachgestellt wurde. Verstörend deshalb, weil die Veranstalter völlig ausblendeten, dass der Reichstag auch Sitz jenes Parlaments war, das die Nationalsozialisten 1933 ausschalteten und das heute der Sitz des Deutschen Bundestages ist. Gestürmt hat man also nicht nur den Reichstag, sondern auch eines der freiesten Parlamente der Welt.

·         Und es kann auch gefährlich werden, den Stolz in den Dienst der Politik zu setzen: Gefährlich wird es dann, wenn der Stolz auf – oft genug eben nur: vermeintlich – Geschehenes statt tatsächlicher Erinnerung an das, was geschehen ist, dazu benutzt oder auch missbraucht wird, den Schrecken auszublenden, den verfehlte Politik durch Krieg und Vernichtung nach sich gezogen hat, wenn Verantwortung und Versagen ausgeblendet wird, wenn ein fehlgeleiteter Nationalismus dazu missbraucht wird, sich über andere Völker zu erheben und dazu anzustacheln, Konflikte mit diesen auf gewaltsame Weise zu lösen.

Dem müssen wir die Wahrhaftigkeit des Erinnerns entgegensetzen – eben mit der Frage: Wie ist es denn tatsächlich gewesen? Dann können wir durchaus auch Freude über das Empfinden, was Menschen vor uns gelungen ist, und manche mögen dies auch in der Form von Stolz tun – dann werden wir aber auch Versagen und Verfehlung benennen. Und wenn jeder seine Geschichte so betrachtet, ist auch die Voraussetzung dafür gegeben, sich miteinander über Geschichte zu unterhalten – nicht nur in einem Land, sondern auch zwischen den Völkern verschiedener Länder - und dadurch zu besserem Verständnis und zu Versöhnung beizutragen.

Und da Ihr, die Teilnehmer dieses wunderbaren Wettbewerbes, die gute Frage gestellt habt, wie es denn tatsächlich gewesen ist, habt Ihr – vielleicht nur als kleines Mosaikstück, aber dennoch – einen wichtigen Beitrag zu Versöhnung und Verständigung geleistet.

Dafür danke ich Euch von Herzen."

Grußwort des Botschafters

Bernd von Jutrczenka/dpa