Grußwort Botschafter von Fritsch zur Eröffnung des 15. Petersburger Dialoges , 14. Juli 2016

(Nachträgliche Niederschrift der frei gehaltenen Ansprache)

Lassen Sie mich mit einer Geschichte beginnen, weil sie hier, in Sankt Petersburg beginnt und weil sie so schön illustriert, wie vielfältig und besonders Deutschland und Russland, die Menschen und Kulturen unserer Länder miteinander verbunden sind.

Dieser Tage ist in Deutschland ein Film in die Kinos gekommen, der die Lebensgeschichte einer bedeutenden Frau erzählt, die zum Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts vielen bedeutenden Persönlichkeiten begegnet ist - Nietzsche, Freud und vielen anderen mehr, die diese inspiriert hat und intellektuelle Debatten angestoßen hat: Lou Andreas-Salomé. Geboren wurde diese Frau aus ursprünglich hugenottischer Familie unweit von hier, im Herzen Sankt Petersburgs, und im russischen Kulturkreis wuchs sie auf. Ihr späteres Leben hat sie ganz im deutschen Raum verbracht und so ihr Leben lang auch eine Brücke gebildet zwischen beiden Ländern und Kulturräumen. 

Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hat sie einen jungen, bereits erfolgreichen Dichter dazu bewegt, mit ihr ihre russische Heimat zu bereisen. Zweimal sind sie, jeweils für mehrere Monate hier gewesen und der junge Dichter war von diesem Land und seinen Menschen ganz begeistert - unter anderem ist er Leo Tolstoi begegnet –, er hat Russisch gelernt und in dieser schönen Sprache sogar Gedichte verfasst, deren grammatische Ungenauigkeiten Experten als Ausdruck künstlerischer Freiheit werten: Rainer Maria Rilke.

Und weil er bereits ein anerkannter Dichter war, hat der möglicherweise bedeutendste Moskauer Porträtmaler jener Jahre ein wunderbares Bild von ihm gefertigt, das heute noch existiert: Rilke in Moskau. Der Name des Malers war Leonid Pasternak und erlebt hat den Dichter bei dieser Gelegenheit auch der zehnjährige Sohn des Malers, Boris. Und Boris Pasternak, Russlands großer Schriftsteller und verhinderter Nobelpreisträger hat später über diese Begegnung reflektiert.

Ich erzähle diese kleine Geschichte zu Beginn, weil sie auf so wunderbare Weise illustriert, wie unsere Kulturen sich begegnet sind und der Austausch wie ein Weberschiffchen hin und her gegangen ist, wie jeder vom anderen Bedeutendes erfahren, gelernt und aufgenommen hat.

Dies ist eine besondere und gute Woche, denn es ist eine Woche deutsch-russischer Begegnung und des Dialoges: Vom vergangenen Sonntag bis Dienstag hat in Moskau der Bergedorfer Gesprächskreis getagt, ein hochrangiges Forum des Austauschs, das außerhalb Deutschlands noch in keinem anderen Land so häufig getagt hat wie in Russland. Am Mittwoch hat sich der NATO-Russland-Rat getroffen, in den zurückliegenden Tagen hat es eine Vielzahl von Gesprächen unserer Staats-und Regierungschefs und unserer Außenminister gegeben - nicht alles steht immer in der Zeitung. Und nun, zum Abschluss dieser Woche, tagt der Petersburger Dialog.

Auch wenn oft genug erst einmal der Weg das Ziel ist: Diese Begegnungen machen uns Hoffnung, denn sie belegen das fortdauernde Interesse aneinander, das Interesse beieinander zu sein oder wieder zueinander zu kommen und beieinander zu bleiben.

In diesen Gesprächen gibt es immer wieder gute Überlegungen, Vorschläge und Anstöße, wie es denn weitergehen kann in unseren Beziehungen unter ja nicht einfachen Umständen. Und neben anderen Klärungen, die wir miteinander besprechen und erreichen müssen, ist die wohl wichtigste Frage: Wie kann die Zukunft unserer Beziehungen aussehen?

Ich gestehe, dass Manches, was ich dazu höre, mir Sorgen macht. Immer wieder wird, mehr oder minder deutlich, festgestellt: Die überlieferte europäische Ordnung, unsere gemeinsame Sicherheitsarchitektur von Helsinki und Paris, ist tot. Wir müssen einen Schlussstrich ziehen, die Gegebenheiten akzeptieren und ganz neu anfangen, heißt es. Und auf die Frage, wie eine neue Ordnung denn aussehen sollte, wird allzu häufig auf Modelle verwiesen, die dem Wiener Kongress entlehnt sind: die großen Mächte setzen sich zusammen und verabreden unter einander eine neue Sicherheitsordnung, mit Abgrenzungen und Einflusssphären.

Ich gestehe, ich kann mir nicht vorstellen, dass dies der Weg in eine gute gemeinsame Zukunft sein kann. Nach all dem Schrecklichen, was im vergangenen Jahrhundert in Europa geschehen ist, und oft genug ja durch Deutsche, können wir nicht wieder zu einem Modell des Miteinanders zurückkehren, in dem die Großen den Kleinen sagen, wo es lang geht und wo sie sich einzuordnen haben. Es kann keine Souveränität des einen zulasten des anderen und keine Einflusssphären geben, in die andere sich einzuordnen haben. Das Ordnungsmodell des 19. Jahrhundert ist in zwei schrecklichen Kriegen gescheitert.

Umgekehrt frage ich mich, warum wir eigentlich eine solche neue Sicherheitsarchitektur brauchen? Wir haben doch alles Gute und Richtige miteinander unterschrieben, und nur weil gegen die richtigen Prinzipien und Grundsätze verstoßen worden ist – und möglicherweise gibt es guten Grund, dass dabei jeder in den Spiegel schaut – werden eben diese Prinzipien und Grundsätze ja nicht falsch. Jedenfalls hat mir noch niemand erklären können, warum wir sie aufgeben und zu anderen – wie ich finde: fragwürdigeren – übergehen sollten.

Und weil diese Prinzipien gut und richtig und letztlich eben auch bewährt sind, kann es auch keinen Schlussstrich geben, kein „Schwamm drüber", kein „unter den Teppich kehren“. Manches, was aus unserer Sicht eine schwere Regelverletzung darstellt, ist eben zu gravierend und zu tiefgehend, als dass wir es hinnehmen könnten und daher werden wir auch bestimmte Gegebenheiten nicht einfach so akzeptieren. Vielmehr müssen wir auch darüber reden.

Und daher ist es gut, dass wir dies vielfach tun – im Bergedorfer Gesprächskreis und im Petersburger Dialog, im Jahr des deutsch-russischen Jugendaustausches und in vielen anderen Begegnungen. Und genau aus dieser Einsicht heraus, dass wir dringend einen umfassenden Dialog führen müssen, hat Deutschland sich auch entschlossen, in diesem Jahr den Vorsitz in der OSZE zu übernehmen – sehr bewusst auch in der Überlegung, dass wir einen Dialog führen, der eben auch ausdrücklich die Interessen Russlands berücksichtigt und mit einbindet.

Wir brauchen alle Instrumente für einen offenen, freien Austausch in allen Bereichen und auf allen Ebenen. Wir brauchen vor allem auch eine freie, engagierte Zivilgesellschaft, die nicht bedrängt wird und nicht in der ständigen Sorge leben muss, drangsaliert zu werden. Wir brauchen freie Medien, die ohne „Schere im Kopf“ arbeiten und deren Journalisten sich nicht bedroht fühlen müssen.

Weil wir das so nötig brauchen, macht es mir auch Sorge, dass beispielsweise die Arbeit der deutschen Stiftungen in Russland schwieriger geworden ist und sie viele ihrer Partner oder traditionellen Beziehungen verlieren oder diese schwieriger werden. Und ich will einen einzelnen Fall erwähnen, weil er mich so besonders irritiert: Seit 15 Jahren existiert, im Ergebnis einer Verabredung zwischen dem Kaliningrader Oblast und dem Land Schleswig-Holstein in Kaliningrad das „Hansebüro“, das dem Austausch und der Wirtschaftsförderung, der Begegnung und der nachbarschaftlichen Annäherung dienen soll. Und vor wenigen Wochen ist nun genau dieses „Hansebüro“ zum „ausländischen Agenten" erklärt worden, weil es, wen wundert es, aus Schleswig Holstein finanziert wird. Ich kann einfach nicht verstehen, warum so etwas geschehen kann und es hat mir auch noch niemand erklären können.

Bleibt die Frage, wie kommen wir gemeinsam voran? Dieser Tage hat Wladimir Lukin dazu eine sehr gute Überlegung angestellt: Lasst uns die Fragen, die uns lösbar erscheinen, mit Energie angehen und sie lösen und lasst uns jene Fragen, die uns als schwer lösbar erscheinen, mit dem gleichen Ernst diskutieren, aber in der Bereitschaft, ihre Lösung möglicherweise unseren Kindern zu überlassen. So meine ich, können wir vorankommen, solches ist uns auch in der Vergangenheit gelungen.

Und lassen Sie uns auf jeden Fall all die guten Brücken benutzen, die wir über die Jahre gebaut haben und die die Stärke des deutsch-russischen Verhältnisses sind und die im Programm des Petersburger Dialog ja so eindrucksvoll sichtbar werden: das Gespräch zwischen den Wissenschaftlern und den Vertretern des kulturellen Lebens, im Gesundheitsbereich und zum Thema Umgang mit Vergangenheit und Erinnerung und in so vielen Bereichen mehr. Gute Beziehungen sind ja nicht nur große Politik, sondern sie sind ein Mosaik, in das viele Steine eingesetzt werden und der Petersburger Dialog setzt besonders viele und gute ein.

Lassen Sie uns in diesem Sinne das Gespräch führen in diesen Tagen, denn auf uns kommt es an. Auf den Stand und die Entwicklung des deutsch-russischen Verhältnisses schauen viele und für die Zukunft eines guten Miteinanders in einem friedlichen Europa spielt es eine ganz besondere Rolle. Und wir wollen dies in der Überzeugung tun: zu einem guten deutsch-russischen Verhältnis gibt es keine Alternative.

Grußwort zur Eröffnung des Petersburger Dialoges

Deutsche Botschaft Moskau

Petersburger Dialog

Petersburger Dialog e.V.