Grußwort von Botschafter von Fritsch anlässlich der Eröffnung der Potsdamer Begegnungen, 8.11.2016

Deutsche Botschaft Moskau / Lyssenko Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft Moskau / Lyssenko) Herzlichen Dank an das Deutsch-Russische Forum und die Gortschakow-Stiftung, dass Sie mit den „Potsdamer Begegnungen“ den deutsch-russischen Dialog lebendig erhalten und weiter vorantragen! 

„Europa von Lissabon bis Wladiwostok: Alternativloser Weg zur Stabilität Europas“ – über dieses wichtige und gute Thema soll diesmal diskutiert werden. Fast ist man versucht zu sagen: Einverstanden, „Haken dran!“, lass uns nach Hause gehen. Wer wäre dagegen? Zumal keine Frage gestellt ist, sondern eine Aussage getroffen wird – und diese versehen mit dem neudeutschen Lieblingsattribut ‚alternativlos‘. 

Doch dann stolpert man: Wladiwostok? Europa? Wladiwostok liegt doch kurz vor der nordkoreanischen Grenze, östlich von China!?! Aber gemeint ist natürlich nicht ein streng geografischer europäischer Raum, sondern ein Raum der Stabilität – also Europa einschließlich des europäischen Russlands sowie das außereuropäische Russland. Doch damit taucht die nächste Frage auf: Wieso blickt man, wenn es um Stabilität und Sicherheit geht, nicht auf den gesamten Raum der OSZE, also von Vancouver bis Wladiwostok? Dann entgeht man auch der suggestiven Gegenübersetzung der Begriffspaare: Lissabon – Wladiwostok oder Vancouver – Donezk (wobei ich letzteres bislang noch nie gehört habe!), die in der zweite Diskussionsrunde thematisiert werden sollen.

Gut und wichtig ist es auf jeden Fall, das zu unternehmen, was Sie in Ihrer ersten Diskussionsrunde vorhaben: Über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Russland und dem Westen zu sprechen. Denn das müssen wir tun, um gemeinsam voranzukommen, das Trennende wie Verbindende benennen, gerade in einer solchen Runde und in einem solchen Rahmen.

Lassen Sie mich daher auch einige Punkte aus unserer Sicht aufrufen: Denn dann sollten wir darüber sprechen, wie es sein kann, dass in Syrien eine schreckliche Regierung dabei unterstützt wird, in einem schrecklichen Krieg weiter militärisch gegen die eigene Bevölkerung vorzugehen, mit schrecklichen humanitären Folgen und einem Flüchtlingsstrom von Hunderttausenden, der auch uns betrifft. Wir sollten darüber sprechen, wie es sein kann, dass in diesem Lande eine Organisation, die so eine große Bedeutung für unser bilaterales Verhältnis besitzt und die uns immer wieder den Blick auf die gemeinsame Geschichte ausgerichtet hat – „Memorial“ - zum ausländischen Agenten erklärt wird. Oder wieso ein einfacher Mann in Perm, ein Schlosser, der einen kleinen Blog betreibt, sich strafbar macht, weil er, nach Studium des Hitler-Stalin-Paktes, in seinem Blog davon spricht, dass die Sowjetunion am Beginn des 2. Weltkrieges beteiligt war.

Über solche Fragen müssen wir sprechen – und es mag gleichermaßen Fragen an unsere Adresse geben. Wir müssen einander zuhören und uns bemühen, uns ‚richtig zu lesen‘ – davon hat auch Frank Walter Steinmeier in einer nachdenklichen und reflektierten Rede in diesem Sommer in Jekaterinburg gehandelt. 

Aber vor allem sollten wir natürlich über das Gemeinsame und Verbindende sprechen. Und das ist ja, gerade im deutsch-russischen Verhältnis, nicht nur jener Jahrhunderte alte Reichtum aus kulturellen, zivilisatorischen und auch historisch positiven Gemeinsamkeiten, der uns allen bekannt ist. Es ist heute vor allem auch die starke wirtschaftliche Brücke zwischen unseren Ländern. Auch in schwieriger Zeit nimmt in diesem Jahr die Zahl deutscher Investitionen in Russland wieder zu, und eine kürzliche Umfrage unserer Auslandshandelskammer hat ergeben, dass 55 % der Befragten in Russland bereits investiert haben und weiter investieren wollen und 24 % zum ersten Mal eine Produktion errichten wollen. Und es sind die starken Brücken der kulturellen Gemeinsamkeiten, die uns verbinden und die immer wieder von Menschen wie Michail Schwydkoi belebt werden. Zum Bereich der Wissenschaft sagen mir die Vertreter unserer großen Forschungs- und Wissenschaftsorganisationen, dass mit kaum einem Land der Austausch so eng ist wie mit Russland. Derzeit haben wir auch das Deutsch-Russische Jahr des Jugendaustausches, das wieder so viele junge Menschen zueinander führt – auch wenn wir uns mehr Interesse und Aufmerksamkeit dafür wünschen würden.

Und schließlich haben wir den breiten Strom zivilgesellschaftlicher Begegnungen und Verbindungen, der Städtepartnerschaften und Vereine, der bürgergesellschaftlichen Initiativen und Unterstützungen. Und eben von Einrichtungen wie dem Deutsch-Russischen Forum, das eine so wichtige Rolle dabei spielt, das deutsch-russische Verhältnis, auf dem so viele Erwartung und so viel Verantwortung ruht, in eine dann doch wieder gute Zukunft zu tragen.

Grußwort zur Eröffnung der Potsdamer Begegnungen