Grußwort von Botschafter von Fritsch anlässlich der Eröffnungsveranstaltung der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland zum Jubiläumsjahr: "500 Jahre Reformation" am 22. März 2017

Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland Bild vergrößern (© Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland) Der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland gratuliere ich sehr herzlich zu diesem bedeutenden Jubiläum, vor allem aber auch dazu, dass sie fast über den gleichen Zeitraum hinweg das Leuchtfeuer des evangelischen Glaubens in Russland auch über schwierigste Zeiten hinweg zum Strahlen gebracht hat. Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Russland gehört zu den traditionellen Kirchen des Landes und viele ihr angehörende Gläubige haben in der Geschichte Russlands – in Politik, Wissenschaft, Kultur, Wirtschaft und anderen Bereichen – eine bedeutende Rolle gespielt.

Deutschland feiert in diesem Jahr den 500. Jahrestag der Reformation natürlich ebenfalls – und ich kann mich nicht erinnern, dass unser Land je ein Ereignis größer begangen hätte.

Die Reformation und ihre Geschichte sind seit den Anfängen zutiefst mit Deutschland verbunden – vor allem natürlich über die Person Martin Luthers. Doch jener religiös-geistige Aufbruch hat die gesamte Welt erfasst: Mehr als 800 Mio. Christen weltweit sind heute im evangelischen Glauben miteinander verbunden. In der Überzeugung der evangelischen Christen ist die Reformation auch kein abgeschlossenes Werk, sondern ständiger Auftrag.

Die große Bedeutung der Reformation rührt daher, dass sie nicht nur ein religiös-spirituelles Ereignis war, sondern auch ungeheure politische, soziale und kulturelle Wirkung entfaltete.

Reform der Kirche unter Rückbesinnung auf das Wort der Heiligen Schrift, das war das Kernanliegen der Reformation. Untrennbar damit verbunden war und ist der Gedanke der individuellen Glaubens- und Gewissensfreiheit.

Zwei kurze Sätze Martin Luther, die nur scheinbar einen Widerspruch formulieren, zeigen, worin die Wirkung der Reformation sich gründet, und welche Bedeutung sie für das evangelische Christentum und darüber hinaus bis heute hat:

„Ein Christenmensch ist ein freier Herr und niemandem untertan.
Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht und jedermann untertan.“

Luther verweist in diesem Gedanken, in dem er sich genau an den Worten der Heiligen Schrift orientiert, auf die Freiheit, die dem Menschen von Gott geschenkt ist – und zugleich auf seine Verantwortung: gegenüber Gott und gegenüber seinem Nächsten. Dieser Gedanke stellt daher einen Aufruf zu praktischem, verantwortlichem Handeln in dieser Welt dar. Verantwortlich ist der Christ dabei nur dem Wort der Schrift und seinem Gewissen. Und somit setzt diese Haltung jeder weltlichen Macht Grenzen. Hier bildet sich vor 500 Jahren ein Menschenbild heraus, das auf Gewissensfreiheit, Urteilskraft und Eigenverantwortung setzt.

Den Glauben zurückzuführen auf das Wort der Heiligen Schrift bedeutet, diese jedem und jeder zugänglich zu machen. Zu den großen Leistungen Martin Luthers zählt daher auch die Übertragung der Bibel aus dem Lateinischen in ein kraftvolles, bildreiches Deutsch, das Luther zugleich aus den verschiedenen deutschen Dialekten zu jener Sprache formte, die wir bis heute sprechen. Auch hier zeigt sich, welche große Bedeutung Martin Luther für die Herausbildung unserer nationalen Identität gehabt hat.

Das Wort Gottes jedermann zugänglich zu machen bedeutet auch, den Anstoß zu geben zu einer neuen Wissenskultur. Bildung ist kein Privileg mehr, sondern wird in immer breitere Schichten der Bevölkerung getragen. Somit kann ein bürgerliches Selbstbewusstsein entstehen, das zur Voraussetzung des mündigen Bürgers späterer Zeiten wird. Wissen, Bildung, Neugier, Selbstvertrauen zu fördern, das alles schafft auch den Grund für Epochen ganz neuen kultureller Entfaltung und kulturellen Reichtums.

In Deutschland leben heute in etwa gleich viel evangelische und katholische Christen. Wie feiern wir die Reformation daher in diesem Jahr in unserem Land? Das Wunderbare ist: Gemeinsam! Den Auftakt des Festjahres hat ein Gottesdienst gebildet, den der Vorsitzende der katholischen deutschen Bischofskonferenz und der Vorsitzenden des Rates der evangelischen Kirche in Deutschland gemeinsam gestaltet haben, in  Anwesenheit aller führender Repräsentanten unseres Landes. Dieser Prozess wachsender Nähe wird mit dem guten Begriff der „versöhnten Verschiedenheit“ bezeichnet.

Heute haben sich hier die Vertreter zahlreicher christlicher Kirchen versammelt, um gegenüber der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland ihren Respekt zu erweisen und ihren Gruß zu entbieten aus Anlass dieses großen Jubiläums. Auch dies ist ein wunderbares Zeichen, und ich wünsche den evangelischen Christen in Russland und allen anderen, die dieses große Jubiläum mit ihnen begehen wollen, dass es auch hier gelingt, es in „versöhnter Verschiedenheit“ zu feiern.

500 Jahre Reformation

Schwarz-weißes Portrait von Luther als Logo des Lutherjahres