Kamingespräch in der Residenz: 80. Jahrestag des Großen Terrors unter Stalin – Erinnerung an deutsche Schicksale

Am 1.11.2017 wurde in der Residenz des Deutschen Botschafters an die zahlreichen deutschen Opfer der Stalin-Zeit erinnert. Anlass war der Jahrestag des Beginns der als „Großer Terror“ in die Geschichte eingegangen Repressionswelle der Jahre 1937 und 1938. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung und mit Unterstützung der Organisation MEMORIAL organisiert.

Deutsche Botschaft Moskau Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft Moskau) Botschafter von Fritsch erinnerte in seiner Eröffnung an die Dimension des Großen Terrors, der schätzungsweise 1,5 Millionen Menschen erfasste, von denen die Hälfte erschossen wurde. Auch rund 8.000 Deutsche seien Opfer dieser Repressionswelle geworden. Sie seien als Ingenieure und Arbeiter, Künstler, Musiker und Wissenschaftler in die Sowjetunion gekommen. Häufig habe es sich auch um politisch und rassisch Verfolgte gehandelt. Die besondere Tragik ihrer Schicksale liege darin, dass sie der einen Diktatur zwar glücklich entkommen, aber von den Mühlen einer anderen Diktatur erfasst worden seien.  

Johannes Voswinkel, Leiter der Moskauer Vertretung der Heinrich-Böll-Stiftung, bezeichnete in seinen Eröffnungsworten die Erinnerung als einen komplexen, nie abgeschlossenen Prozess. Zugleich erinnerte er an die Verantwortung des Einzelnen.

Dr. Carola Tischler vom Institut für Zeitgeschichte berichtete über die Ausmaße der Repressionen unter dem Stalin-Regime gegen Deutsche in den Jahren 1937 und 1938 und die daraus resultierende, grundsätzlich positiv zu wertende konsularische Tätigkeit der Botschaft des Deutschen Reichs unter Botschafter Graf von der Schulenburg.                         

Anschließend verlasen vier Schülerinnen und Schüler der Deutschen Schule Moskau die Biographien von Ernst Fabisch, Hans Gustav Adolf Hellmann, Carola Neher und Bruno Schmidtsdorf. Sie stehen exemplarisch für ganze Gruppen von deutschen Opfern  des Stalin-Terrors. Dazu wurden persönliche Fotos gezeigt. In einem nachfolgenden sehr eindringlichen Gespräch berichtete die 90jährige Zeitzeugin Waltraud Schälike über ihre Erinnerungen an ihren damaligen Wohnort, das berühmte Hotel Lux, das Moskau der 30er Jahre und ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit den Auswirkungen des Großen Terrors. 

Bei einer von Johannes Voswinkel moderierten Podiumsdiskussion erörterten die Leiterin der Bildungsprogramme von MEMORIAL, Irina Schtscherbakowa, und der Schriftsteller und Publizist Sergej Lebedjew die Erinnerungskultur im heutigen Russland. Sie wandten sich gegen Versuche, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der Vergangenheit zu ziehen. Die Errichtung eines Denkmals für die Opfer der Stalin-Repressionen dürfe nicht zum Anlass genommen werden, die Vergangenheit ruhen zu lassen und zu vergessen.

Am Rande der Veranstaltung präsentierte MEMORIAL aus seinen Archiven eine Ausstellung von Gegenständen aus dem Besitz deutscher GULAG-Häftlinge.

Das musikalische Programm des Abends wurde vom Trompeter Michail Bassow und dem Pianisten Alexander Wjasow gestaltet. Sie führten Werke von Eddie Rosner auf, einem der populärsten Jazzmusiker in Deutschland bis 1933 und, nach seiner Emigration, in der Sowjetunion der 1940er bis 1960er Jahre. Acht lange Jahre verbrachte er im Stalinschen GULAG und konnte nur dank seiner Musik überleben.