Kamingespräch in der Residenz: Botschafter Rudolf Nadolny zurück in Moskau

Am 5. Juli 2017 fand in der Residenz des Deutschen Botschafters das nächste Kamingespräch der Reihe „Persönlichkeit, Freiheit und Verantwortung“ statt. Protagonist der Abendveranstaltung war Rudolf Nadolny, ein deutscher Diplomat und früherer deutscher Botschafter in Moskau. Sein Enkel, Schriftsteller Sten Nadolny, ist zu diesem Gespräch nach Moskau gereist. Die Veranstaltung wurde gemeinsam mit der der Vertretung der Friedrich-Ebert-Stiftung in der Russischen Föderation organisiert.

Deutsche Botschaft Moskau Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft Moskau) Rudolf Nadolnys facettenreiche und sehr bewegte Biographie stand in enger Verbindung mit Russland. „Sein berufliches und persönliches Schicksal stellt ein eindrucksvolles Beispiel von prinzipienfester Positionierung und Zivilcourage gegen Nationalismus und Totalitarismus dar.“ – so Botschafter von Fritsch, der das Kamingespräch eröffnete.

Dr. Jens Hildebrandt, der stellvertretende Leiter der Friedrich-Ebert-Stiftung in Russland, unterstrich in seinem Grußwort, dass „…Nadolny kein Widerstandskämpfer war. Er war kein heroischer Verteidiger der Freiheit. Er war auch kein Gesinnungsethiker, der für seine Überzeugung in den Tot gegangen wäre. Er war aber auch kein visionsloser Vernunftpragmatiker, ohne Ideen, Konzepte und Vorstellungen von einer besseren Welt. Er war zuvorderst ein Diplomat mit der Fähigkeit zum Selberdenken. Stärker noch, er dachte zuweilen „ohne das Geländer“ hergebrachter Meinungen und drohte immer wieder abzustürzen. Diesen „Eigensinn“ bezahlte Nadolny mit Karriere-Brüchen, politischen Sackgassen, grandiosen Fehleinschätzungen und unerfüllten Visionen und gescheiterten Erwartungen.“

„Das Leben ist zu kostbar, um es mit Anpassung zu verschwenden.“– zitierte Botschafter von Fritsch aus dem Roman „ Deutsche Botschaft Moskau Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft Moskau) Selim oder die Gabe der Rede“ von Sten Nadolny, dem Enkel von Rudolf Nadolny. Der bekannte deutsche Schriftsteller hielt einen eindrucksvollen Impulsvortrag über seinen Großvater Rudolf Nadolny und dessen Lebensabschnitt als deutscher Botschafter in Moskau von November 1933 bis Juni 1934.

„Die Geschichte Rudolf Nadolnys als Botschafter unter Hitler, sowohl auf der Abrüstungskonferenz als auch auf dem Moskauer Posten, ist ein melancholisches Lehrstück über die Chancen der Diplomatie unter den Bedingungen eines an die Macht gekommenen Wahnsystems. Und es steckt auch persönliche Tragik in dieser Geschichte eines Russlandfreundes, der sein Leben lang Botschafter in Moskau werden wollte, um dann mit etwas Verzögerung nur noch zurücktreten zu können. […] Rudolf Nadolny hat nach meinem Eindruck hinreichend bewiesen, dass ihm zum Opportunisten und Mitläufer schlicht die Eignung fehlte. Und ja, das kann man Glück nennen, auf ganz andere Weise, und übrigens auch für seine Enkel.“-fasste Sten Nadolny seinen Vortrag zusammen.

Was bedeutet diese herausragende – aber bedauerlicherweise dem breiten Publikum fast kaum bekannte Persönlichkeit – für uns heute? Was können wir aus dem Lebenswerk von Nadolny auch im deutsch-russischen Kontext lernen? Diese Fragen haben anerkannte Experten aus Deutschland und Russland beim Podiumsgespräch in der Residenz beschäftigt. Als Podiumsteilnehmer fungierten neben Sten Nadolny und Dr. Jens Hildebrandt auch Michail Jakowlew, Stv. Direktor der Historisch-Dokumentarischen Abteilung im Außenministerium Russlands, sowie Dr. Andrej Sorokin, Direktor des Archivs für soziale- und politische Geschichte. Dr. Christian Neef, Korrespondent der Zeitschrift “Der Spiegel”, Sachbuchautor und Verfasser mehrerer Bücher zur russischen Geschichte, moderierte das Gespräch.

Deutsche Botschaft Moskau Bild vergrößern (© Deutsche Botschaft Moskau) Im Foyer der Residenz wurde zudem eine Ausstellung über Rudolf Nadolny gezeigt: Kopien historischer Dokumente (Fotos, Urkunden, Briefe) aus den Beständen des Archivs für Film- und Fotodokumente in Krasnogorsk sowie aus dem Archiv für Soziale Demokratie in Bonn und aus der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Gedenkstätte in Heidelberg. Ein besonderer Blickfang waren Filmaufnahmen von der Ankunft Nadolnys in Moskau im Spätherbst 1933 und der Übergabe seines Beglaubigungsschreibens im Kreml (aus dem Nachlass Rudolf Nadolny im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes, Berlin).

Unter den Gästen des Residenzabends waren zahlreiche Mitglieder der deutsch-russischen Historikerkommission, die  2017 ihr 20jähriges Bestehen begeht und sich am Folgetag zu ihrer Jubiläumsplenarsitzung in der Russischen Akademie der Wissenschaften traf.

Das musikalische Programm des Abends mit russischer und deutscher Musik der 1930er Jahre gestaltete Andrej Martschenko (Akkordeon), Preisträger nationaler und internationaler Musikwettbewerbe.

Zur Person:

Rudolf Nadolny (* 12. Juli 1873; † 18. Mai 1953)  war als junger Diplomat Referent für Ostpolitik im Auswärtigen Amt. Sein Referat hielt in dieser Zeit Kontakt mit den russischen Bolschewiken in der Schweiz und trug dafür Sorge, dass Lenin und seine Genossen im April 1917 unbehelligt durch Deutschland reisen konnten. Bei den Friedensverhandlungen mit den Bolschewiken, die mit dem Friedensvertrag von Brest-Litowsk endeten, war Nadolny Teil der deutschen Verhandlungsdelegation. In Zeiten der Weimarer Republik war Rudolf Nadolny Chef des Büros von Reichspräsident Friedrich Ebert.

Im August 1933 bekam Rudolf Nadolny den Botschafterposten in der Sowjetunion übertragen. Nur acht Monate später trat er von seinem wichtigen Posten wieder zurück - aus Protest gegen die feindliche Politik von Adolf Hitler gegenüber der Sowjetunion und nach einem Streitgespräch mit dem Reichskanzler. Seine Demission war ein couragierter Schritt und der zweite und bis 1939 letzte Abschied eines deutschen Spitzendiplomaten. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Nadolny die Reorganisation des Deutschen Roten Kreuzes. Zudem engagierte er sich für die Einheit Deutschlands, u.a. für die Verständigung zwischen der Bundesrepublik und der DDR und mit der Sowjetunion.

Rudolf Nadolny

Residenz des Botschafters