Friedrich Joseph Haass – Barmherziger Samariter von Moskau

29.04.2016

Friedrich Joseph Haass ist vielen unbekannt, obwohl er Großes geleistet hat. Um über den außergewöhnlichen Humanisten zu sprechen, hatte der Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Moskau zum Kamingespräch „Friedrich Joseph Haass. Persönlichkeit, Freiheit und Verantwortung“ eingeladen, das mit freundlicher Unterstützung von Merck LLC stattgefunden hat.

gut gefüllter Saal Bild vergrößern gut gefüllter Saal (© Deutsche Botschaft Moskau) Kaum ist der Arzt aus dem Zimmer, schon greift der Patient nach einigen Silberlöffeln und verschwindet. Als Friedrich Joseph Haass das Zimmer kurz darauf wieder betritt, weiß er sofort, was passiert ist. Aber er zeigt sich barmherzig: Den Dieb überstellt er nach der Festnahme nicht der Polizei, sondern schickt ihn mit einer Ermahnung und 50 Kopeken fort. Klar, Diebstahl ist ein Laster, erklärt sich Haass später. „Aber seinen Nächsten auspeitschen zu lassen, ist ein viel größeres Laster“, sagt er. Kein Wunder, dass der Arzt auch „der heilige Doktor von Moskau“ genannt wurde.

Ob sich diese Geschichte wirklich so zugetragen hat, wie Alexander Herzen erzählt, ist unklar. Die Taten des Doktors müssen aber besonders, seine Persönlichkeit herausragend gewesen sein: Sogar die katholische Kirche möchte ihn selig sprechen. Mit 27 Jahren kam Haass nach Russland, um dort zu arbeiten. Er soll ein exzellenter Arzt gewesen sein, beschäftigte sich jedoch bald mit den Leiden der Ärmsten und Verstoßenen – er wurde Gefängnisarzt, und das zu einer Zeit, als Schwerverbrecher zusammen mit Menschen, die keinen Pass hatten, nach Sibirien geschickt wurden.

angeregte Diskussion Bild vergrößern angeregte Diskussion (© Deutsche Botschaft Moskau) Auch namhafte Wissenschaftler und Autoren beschäftigen sich mit dem Arzt und Humanisten Friedrich Joseph Haass. Am Mittwochabend trafen sich einige davon zu einem Kamingespräch mit Botschafter von Fritsch. Wadim Duda, Klaus Mertes, Fritz Pleitgen, Alexander Neshnyj, Uwe Beck und Elena Nemirowskaya tauschten sich aus über die Bedeutung und das Lebenswerk von Haass. In einem waren sich alle einig: Haass muss bekannter werden. Klaus Mertes, der die Diskussion moderierte, veranschaulichte mit Anekdoten wie der vom Diebstahl der Silberlöffel, wie barmherzig Haass war. Er setzte sich nicht nur für leichtere Fesseln und bessere medizinische Betreuung bei Strafgefangenen ein, er verwendete auch sein Vermögen auf die Armen. Mertes findet, dass er mit seinem Handeln erfolgreich war und die Welt als eine bessere zurückließ: Doktor Haass habe Menschen  „Humanität durch Barmherzigkeit“  beigebracht.

Umrahmt wurde der Abend mit Musik aus der Deutschen Schule Moskau, die nach Friedrich Joseph Haass benannt ist. Zuletzt wurde das Lied „Imagine“ von John Lennon gesungen. Der Botschafter, der nach dem Gespräch noch zu einem Empfang lud, wies auf den Bezug der Verse zu Haass hin, der sich zeitlebens gegen Willkür, Grausamkeit und Folter eingesetzt hatte:  „You may say, I’m a dreamer – but I’m not the only one“ – Diese Zeile passe auch auf Haas. Mit seiner Arbeit habe der Arzt zur Humanisierung des Strafvollzuges beigetragen, auch wenn damals wenige an ihn glaubten. Umso wichtiger sei es, ihn heute nicht zu vergessen.

© Deutsche Botschaft Moskau

Kamingespräch zu Friedrich Joseph Haass

Botschafter von Fritsch im Gespräch